Discussion:
Die Shortlist des Kurt Gödel Preises 2019 wurde veröffentlicht
(zu alt für eine Antwort)
Franz Bockelson
2019-11-30 12:35:35 UTC
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Zur Förderung antireduktionistischen Wissens in Natur- und Geisteswissenschaften hat der Kurt Gödel Freundeskreis Berlin den
Kurt Gödel Preis 2019
ausgelobt. Der Preis wird im Rahmen eines Essaywettbewerbs für die beste Frage vergeben, die Reduktionisten beantworten müssten, dies jedoch nicht können und warum. Einsendeschluss war der 30.9.2019. Alle eingereichten Beiträge wurden der Jury des Kurt Gödel Preises vorgelegt. Die Jury hat inzwischen eine Shortlist der interessanten Beiträge zusammengestellt.
Sie ist in Deutsch auf der Homepage des Kurt Gödel Freundeskreises veröffentlicht: https://www.kurtgoedel.de
In die ausgewählten Beiträge kann entsprechend den Teilnahmebedingungen bis zur Preisvergabe über die verlinkten PDFe Einblick genommen werden.

Ich finde, dass der Wettbewerb sehr gelungen ist!
Diese Nachricht kann sicherlich auch in eigene E-Mail-Listen und Newsgroups weitergeleitet wird.

Es grüßt
Franz Bockelson
Verena
2019-12-04 23:38:42 UTC
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Post by Franz Bockelson
Zur Förderung antireduktionistischen Wissens in Natur- und Geisteswissenschaften hat der Kurt Gödel Freundeskreis Berlin den
Kurt Gödel Preis 2019
ausgelobt. Der Preis wird im Rahmen eines Essaywettbewerbs für die beste Frage vergeben, die Reduktionisten beantworten müssten, dies jedoch nicht können und warum. Einsendeschluss war der 30.9.2019. Alle eingereichten Beiträge wurden der Jury des Kurt Gödel Preises vorgelegt. Die Jury hat inzwischen eine Shortlist der interessanten Beiträge zusammengestellt.
Sie ist in Deutsch auf der Homepage des Kurt Gödel Freundeskreises veröffentlicht: https://www.kurtgoedel.de
Ich habe mir gerade auf die Schnelle mal den ersten Aufsatz durchgelesen mit dem Titel "Reduktionismus im Diskurs".
1. Dort wird zwischen "materialistischem" und "logischen" Reduktionismus unterschieden. Für mich macht diese Unterscheidung keinen Sinn - denn ist der materialistische Reduktionismus nicht letztlich auch ein logischer Reduktionismus? Gibt es denn einen Reduktionismus der nicht logisch verfährt?

Aber nun zu einem wesentlich problematischeren Standpunkt des Autors:

2. Den logischen Reduktionismus sieht der Autor dadurch charakterisiert, dass "er den Anspruch erhebt, Phänomene durch die Explikation ihrer logischen Strukturen vollständig zu erfassen". Die reduktionistisch zu explizierende "Wirklichkeit" [wohl die o.a. Phänomene] werden dabei "ausschließlich aus der Perspektive der menschlichen Vernunft [analysiert], die sie als absoluten (also von externen Kriterien losgelösten) Maßstab setzt".
Die Vernunft als "absoluten Maßstab" - das riecht für den Autor natürlich schwer nach dem Skandalon des Dogmatismus, aber haben wir denn etwas Anderes und Besseres als die Vernunft (bzw. den Verstand), um Erkenntnisphänomene zu zu explizieren, rational zu analysieren? Und warum soll denn Vernunft/Verstand als Mittel der Explikation gleich zwangsläufig mit einer VeraABSOLUTierung der Reduktion einhergehen?
Das leuchtet mir "absolut" nicht ein!
Und dann kommt auch noch das mE total deplaziertes mentalistische Hauptargument, dass die Position des logischen Reduktionisten "für andere nicht verifizierbar [ist], da kein anderer Teilnehmer am Diskurs Zugriff auf die Vernunft des Dogmatikers hat". Ja natürlich: einer logischen Argumentation kann man nicht folgen, weil man keinen "Zugriff auf die Vernunft" des Argumentierenden hat. [Man frägt sich an dieser Stelle, warum der Autor dann eigentlich noch versucht, hier via logischer Argumentation seine Position zu explizieren, wo doch der geneigte Leser "keinen Zugriff auf die Vernunft" des Autors hat, den er aber doch (laut Autor) braucht um die Logik seiner Argumentation zu verstehen.]
Vor dem Hintergrund dieses hanebüchenen Arguments der Unmöglichkeit des Nachvollzugs einer logischen Argumentation aufgrund des fehlenden mentalen Zugriffs auf die Vernunft des logisch Argumentierenden resultiert für den Autor die Selbstwidersprüchlichkeit des logisch-vernünftigen Argumentierens als methodischer Weg, eine Position im vernünftigen philosophischen Diskurs zu beziehen, denn (s.o.) es fehlt ja der Zugriff auf die Vernunft des Argumentierenden und folglich muss der logische Reduktionismus "annehmen, dass es einen anderen Maßstab außerhalb der eigenen Vernunft, des eigenen Logos, gibt", dh der logische Reduktionismus "an seinen eigenen Voraussetzungen", sich als (reduktionistische) Diskurs-Position zu etablieren "scheitern" muss.
Der einzige, der an seiner verqueren Vorstellung der Bedingungen des rationalen Diskurses scheitert, ist aber mE der Autor.
Der rationale/logische Diskurs ist doch nicht von dem MENTALEN Zugriff auf die Vernunft der Teilnehmer des Diskurses abhänging, sondern folgt logischen Regeln, die jeder Teilnehmer eines Diskurses nachvollzogen haben kann(und nachvollziehen muss), um am rationalen Diskurs überhaupt teilzunehmen, so wie die Teilnahme an einem Spiel das Verständnis der Spielregeln voraussetzt, damit man überhaupt daran teilnehmen, mitspielen kann - und dafür braucht es erfahrungsgemäß kein Glasfenster im Kopf der Teilnehmer.
Es bedarf keines "anderen Maßstab außerhalb der eigenen Vernunft, des eigenen Logos", sondern nur der elementaren Fähigkeit des Regelverstehens, um "mitspielen" (sich am rationalen Diskurs beteiligen) zu können.

Gruß, Verena
Verena
2019-12-04 23:55:01 UTC
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Am Donnerstag, 5. Dezember 2019 00:38:43 UTC+1 verfasste Verena eine kleine Korrektur des vorletzten Absatzes:
...
Der rationale/logische Diskurs ist doch nicht von dem MENTALEN Zugriff auf die Vernunft der Teilnehmer des Diskurses abhänging, sondern folgt logischen Regeln - wobei allerdings jeder Teilnehmer eines Diskurses über die Fähigkeit verfügen muss, diese Regeln nachzuvollziehen, um am rationalen Diskurs überhaupt teilnehmen zu können, so wie die Teilnahme an einem Spiel das Begreifen der Spielregeln voraussetzt, damit man überhaupt daran teilnehmen, mitspielen kann - und dafür braucht es erfahrungsgemäß kein Glasfenster im Kopf der Teilnehmer.
Es bedarf keines "anderen Maßstabs außerhalb der eigenen Vernunft, des eigenen Logos", sondern nur der elementaren Fähigkeit des Regelverstehens, um "mitspielen" (sich am rationalen Diskurs beteiligen) zu können.
Gruß, Verena
Franz Bockelson
2019-12-05 13:10:34 UTC
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Ich habe mir gerade auf die Schnelle mal den ersten Aufsatz durchgelesen mit dem Titel "Reduktionismus im Diskurs"....
2. Den logischen Reduktionismus sieht der Autor dadurch charakterisiert, dass "er den Anspruch erhebt, Phänomene durch die Explikation ihrer logischen Strukturen vollständig zu erfassen". Die reduktionistisch zu explizierende "Wirklichkeit" [wohl die o.a. Phänomene] werden dabei "ausschließlich aus der Perspektive der menschlichen Vernunft [analysiert], die sie als absoluten (also von externen Kriterien losgelösten) Maßstab setzt".
Die Vernunft als "absoluten Maßstab" - das riecht für den Autor natürlich schwer nach dem Skandalon des Dogmatismus, aber haben wir denn etwas Anderes und Besseres als die Vernunft (bzw. den Verstand), um Erkenntnisphänomene zu zu explizieren, rational zu analysieren?
Dann empfiehlt sich dazu den Essay:
True or Rational? A Problem for a Mind-Body Reductionist zu lesen:
https://kurtgoedel.de/cms-83FO/wp-content/uploads/2019/11/True_or_Rational_A_Problem_for_a_Mind-Body_Reductionist.pdf

Franz Bockelson
Verena
2019-12-06 15:01:17 UTC
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Post by Franz Bockelson
Ich habe mir gerade auf die Schnelle mal den ersten Aufsatz durchgelesen mit dem Titel "Reduktionismus im Diskurs"....
2. Den logischen Reduktionismus sieht der Autor dadurch charakterisiert, dass "er den Anspruch erhebt, Phänomene durch die Explikation ihrer logischen Strukturen vollständig zu erfassen". Die reduktionistisch zu explizierende "Wirklichkeit" [wohl die o.a. Phänomene] werden dabei "ausschließlich aus der Perspektive der menschlichen Vernunft [analysiert], die sie als absoluten (also von externen Kriterien losgelösten) Maßstab setzt".
Die Vernunft als "absoluten Maßstab" - das riecht für den Autor natürlich schwer nach dem Skandalon des Dogmatismus, aber haben wir denn etwas Anderes und Besseres als die Vernunft (bzw. den Verstand), um Erkenntnisphänomene zu zu explizieren, rational zu analysieren?
https://kurtgoedel.de/cms-83FO/wp-content/uploads/2019/11/True_or_Rational_A_Problem_for_a_Mind-Body_Reductionist.pdf
Für einen Überblick zu dem Thema würde ich eher zu diesem link raten:
https://de.wikipedia.org/wiki/Reduktionismus

Und: Schade, dass du nicht auf meine Ausführungen/Argumente eingehst - aber ob du in einen Diskurs eintreten oder dich nur auf Verweisungen beschränken willst liegt natürlich bei dir.
Aber trotzdem noch eine Bemerkung:
Ich glaube dass viele Probleme des Reduktionismus von daher rühren, dass man vergisst/übersieht, dass BESCHREIBUNGEN immer ZUSCHREIBUNGEN sind. Und wenn man einsieht, dass die Vielfalt der Phänomenlage ihren Ursprung in prinzipiell unterschiedlichen (Be-)Deutungsakten hat, dann wird auch klar, dass und warum es irreduzible Phänomene gibt bzw geben muss.
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